Was wir von der Finanzkrise lernen können
Quelle: idea Schweiz, 28.01.2009
Über Kredite und andere Perspektiven des Lebens
Markus Baumgartner
Die Finanzkrise hat 2008 alle Vermögensklassen der Gesellschaft in den Strudel gezogen und zu einem fundamentalen Verlust an Vertrauen geführt. Jetzt ist Sicherheit wieder gefragt.
Wer ist zufriedener? Einer, der sieben Millionen Franken hat, oder einer, der sieben Kinder hat? Derjenige mit sieben Kindern. Er will nicht noch weitere. Der Anteil der Menschen in Westeuropa, die sich als glücklich bezeichnen, liegt in den letzten 50 Jahren konstant bei 30 Prozent. Und das, trotz einer Zunahme an Wohlstand, Freiheit und Reisemöglichkeiten. Wir haben mehr, sind aber nicht glücklicher. Dazu gibt es eine jüdische Geschichte: Kommt ein Jude zum Rabbi und sagt: «Es ist entsetzlich. Gehe ich zu einem Armen, ist er freundlich und hilft mir, wenn er kann. Gehe ich zu einem Reichen, dann sieht er mich nicht einmal! Was ist das nur mit dem Geld?» Da sagt der Rabbi: «Geh ans Fenster! Was siehst du?" «Ich sehe einen Wagen, eine Frau mit einem Kind und ... " «Gut", sagt der Rabbi, «und jetzt stell dich vor den Spiegel. Was siehst du?" «Nun, Rabbi, was werd' ich schon sehn? Mich selber!" Darauf der Rabbi: «Siehst du, so ist es. Das Fenster ist aus Glas gemacht und der Spiegel ist aus Glas gemacht. Kaum legst du ein bisschen Silber hinter die Oberfläche, siehst du nur noch dich selber!"
Vermeintliche Sicherheit
Ein Truthahn wird während tausend Tagen gefüttert. Jeden Tag registriert er, dass Menschen sich um sein Wohlergehen kümmern. Einen Tag vor dem Erntedankfest erlebt der Truthahn jedoch eine böse Überraschung. Mit dieser Geschichte hat Nassim Nicholas Taleb, Ex-Börsenhändler und heute Professor für Risikoforschung in New York, der Debatte um die Finanzkrise eine neue Wendung gegeben. Der arme Truthahn verfügte bis zum tausendsten Tag seines Lebens nur über Erfahrungen der Vergangenheit, nicht aber über solche der Zukunft. Unsere Systeme funktionieren nur, solange keine Krisen eintreten. Der Truthahn, der täglich gefüttert wurde, fühlte sich am Tag vor seiner Schlachtung am sichersten. Es ist deshalb eine Illusion, anzunehmen, die globale Finanzkrise werde bald vergessen sein, und einer neuen Routine weichen. Die Gewissheit über - historisch gesehen - konstante Renditen und' Gewinne ist verschwunden.
Kapital statt Arbeit
Neben dem Bankrott des Truthahns zeigt Taleb noch eine zweite Kurve (siehe Grafiken): Den Aktienkurs der Bank IndyMac. Er steht stellvertretend für weitere tausend Finanzhäuser, die gegen überraschende Ereignisse gewettet haben, und gemäss Taleb mehr verloren haben, als jemals in der Geschichte des Bankenwesens verdient wurde. Trotzdem erhalten die Banker ihre Boni weiterhin. Und es sieht so aus, als müssten die Steuerzahler die Rechnungen bezahlen. Der Bestseller von Nassim Taleb «Der schwarze Schwan» liegt in Deutsch vor. Die Theorie über «die Macht höchst unwahrscheinlicher Ereignisse» ist zum Handbuch einer Gesellschaft geworden, die gerade die Zerstörung ihrer Lebenssicherheit erlebt. Weil man nur weisse Schwäne kannte, konnte sich niemand schwarze Schwäne vorstellen - bis sie entdeckt wurden. Kreditkrise, Hungerkrise, Sinnkrise: Vielleicht war der Kapitalismus keine gute Idee. Kennen Sie den Unterschied zwischen Kommunismus und Kapitalismus? Im Kommunismus wurden die Unternehmen zuerst verstaatlicht und dann heruntergewirtschaftet und im Kapitalismus war es umgekehrt. «Der Produktionsfaktor Kapital wurde wichtiger als der Produktionsfaktor Arbeit», analysiert Roger de Weck in der «SonntagsZeitung». Noch deutlicher wird Ton Edward Wilson im Vorwort des neuen Buches von Harvard-Professor Jeffrey Sachs «Wohlstand für viele»: «Die Zeichen sind eindeutig: Wir müssen unsere Gesellschafts- und Wirtschaftspolitik neu gestalten, oder wir werden diesen Planeten zerstören. Es geht um eine bessere Zukunft für alle Menschen, und wir haben nur diesen Versuch.»
Leben ist geliehen
Das alles hat zu einer Sinnkrise geführt: Der Kapitalismus vermag Wohlstand, aber kein Glück zu produzieren. Haben die Nachfolger von Jesus da einen Vorsprung? Die Warnung Jesu, dem Mammon nicht zu dienen, gilt nicht nur den Reichen, die Geld haben, sondern auch den Armen, die es ersehnen. Für Gott ist es in Ordnung, Güter auf dieser Erde zu besitzen. Er ist aber dagegen, dass die Dinge von uns Besitz ergreifen. Letztlich sind die Nachfolger von Jesus Kreditnehmer: Gott gehört alles, was wir besitzen. Er hat das Universum geschaffen. Jesus nennt mein Geld Fremdkapital. Paulus hat für den Besitz in 1. Korinther 7,29ff eine gute Formel geprägt: «Haben, als hätte man nicht.» Wir verwalten Gottes Besitz. Die Tatsache, dass alles nur geliehen ist, zeigt sich am deutlichsten an der Vergänglichkeit des menschlichen Lebens. Fragt sich, ob wir diesen Kredit richtig nutzen. Gerade in der Finanzkrise hätten wir etwas zu geben, weil unsere Quelle unerschöpflich ist.
Ein gutes Beispiel ist John Wesley (1703-1791), der Begründer des Methodismus. Er sagte: «Verdiene, so viel du kannst. Spare, so viel du kannst. Gib, so viel du kannst.»