Schweiz: Mehr Privatkonkurse im 2007
Quelle: NZZ online, 11.04.2008
Leben auf Pump nimmt in der Schweiz dramatisch zu
Einen bedenklichen Trend würden die ermittelten Zahlen belegen, kommentiert der Gläubigerverband Creditreform seinen am Freitag publizierten Schuldneratlas. Dieser dokumentiert die Entwicklung der privaten Überschuldung in der Schweiz. Als überschuldet gelten dabei Personen, die von Privatkonkursen, Inkassofällen und anderen nachhaltigen Zahlungsschwierigkeiten betroffen sind. Im gesamtschweizerischen Durchschnitt lag ihr Anteil im Jahr 2007 bei 2,72%.
Creditreform hat für ihren Schuldneratlas alle Regionen der Schweiz nach Postleitzahlen analysiert. Die Spannweite der Überschuldung liegt dabei zwischen Null bis zum Rekordwert von knapp 22% für die Postleitzahl 8208 in Schaffhausen. Der Blick auf die Karte zeigt zunächst das bereits von früher bekannte Stadt-Land-Gefälle: Grossstädte weisen eine deutlich höhere Quote auf als ländliche Gebiete. Im Detail aber gibt es grosse Unterschiede. In Zürich zum Beispiel wurde der tiefste Wert im gut situierten Witikon mit 1,4 Prozent ermittelt, der höchste im Kreis 4 mit 6,6 Prozen
Nicht mehr nur in Ballungszentren
Überraschend deutlich sichtbar wird auch das Ost-West-Gefälle und die auffällig hohe Verschuldungsquote im dicht besiedelten Mittelland. Hingegen müssen laut Angaben von Creditreform die tiefroten Inseln in ländlichen Gebieten relativiert werden: Sie betreffen oft Kleingemeinden, wo einzelne wenige Schuldner das Bild verfälschen können. Die Negativquoten betreffen aber längst nicht mehr mehrheitlich die Ballungszentren.
Verändertes Konsumverhalten
Die Gründe dafür, dass immer mehr Privathaushalte in der Schweiz auf Pump leben, seien vielfältig. Generell seien in dieser Beziehung die Folgen eines gesellschaftlichen Wandels und eines verändertes Konsumverhaltens zu konstatieren. Seit 1980 haben sich die Zahl der Zahlungsbefehle nämlich mehr als verdoppelt, 2006 wurden von Bundesamt für Statistik total bereits deren 2'551'083 verzeichnet.
Risiko Schuldenfalle
Die im europäischen Vergleich einst vorbildliche Zahlungsmoral in der Schweiz zeigt deshalb inzwischen immer häufiger ein unschönes Bild. Mahnungen und Betreibungen werden anders als früher viel eher in Kauf genommen. Die leichte Verfügbarkeit von Konsumkrediten verleitet viele dazu, über ihre Verhältnisse zu leben. Derart finanzierte Konsumgüter und Autos bringen aber das Risiko mit sich, bei Arbeitslosigkeit, Krankheit oder Scheidung schnell in eine Schuldenfalle zu geraten. Verlustscheine belasten anschliessend ein Leben lang und seien oft der Beginn einer eigentlichen «Schuldenkarriere».
Männer mehr als Frauen betroffen
Eine Untersuchung der Privatkonkurse zeigt, dass die Überschuldung alle Altersklassen betrifft. Spitzenreiter bei den Pleiten sind aber die 40- bis 60-Jährigen. Allerdings sind die Jungen wie auch die AHV-Rentner dabei, mächtig aufzuholen. Bemerkenswert ist hingegen die Verteilung nach Geschlechtern: Gut 80% der Privatkonkurse gehen auf das Konto von Männern. 2007 mussten aber auch auffallend mehr Frauen im Alter zwischen 40 und 60 Konkurs anmelden. Einem besonders grossem Überschuldungsrisiko sind Alleinerziehende ausgesetzt.
Kritik an Unternehmen
Das Schuldenproblem habe längst eine «kritische Grenze» erreicht, schreibt Creditreform, die mit ihrem Schuldneratlas die Öffentlichkeit für dieses Thema sensibilisieren will. Kritisiert werden neben dem Konsumverhalten und der Zahlungsmoral der Einzelpersonen aber auch die Unternehmen, bei denen ebenfalls vieles im Argen liege. So würden Kredite nach wie vor zu leichtfertig gewährt, weil Umsatz vor Sicherheit komme.
Konsumenten vor sich selbst schützen
Den Firmen wird von Creditreform empfohlen, routinemässig präventive Massnahmen zu treffen. Nicht zuletzt gelte es, allzu risikofreudige Konsumenten vor sich selbst zu schützen. Denn am Ende würden die Kosten der Überschuldung der Allgemeinheit aufgebürdet und die steigenden Sozialhilfeausgaben in den Gemeinden würden unweigerlich auch zu einer steuerlichen Mehrbelastung führen.