Kampf dem dämonischen Mammon
Quelle: NZZ am Sonntag, 07.12.2008
Der fromme Finanz-Guru Earl Pitts auf Tournee durch die Schweiz
Matthias Herren
Das Timing war perfekt. Mitten in der Finanzkrise tourte der fromme kanadische Finanz-Guru Earl Pitts kürzlich durch die Schweiz. Von Wildhaus im Toggenburg bis Wichtrach im Kanton Bern predigte der frühere IBM-Manager über «Stress mit Geld? Die Bibel zeigt Lösungen!». Gemäss Angaben des Organisators «Campus für Christus» soll Pitts in den letzten Jahren allein im deutschsprachigen Raum 36 000 Menschen geholfen haben, im Umgang mit ihrem Geld biblische Grundlagen anzuwenden. Am Ende dieser Woche dürften es wohl gegen 40 000 Menschen sein.
In Wichtrach, einem verlorenen Flecken an der Autobahn Bern-Thun, wollen am vergangenen Montagabend rund 300 Personen Earl Pitts´ Botschaft hören. Auch das junge Ehepaar Stefan und Barbara Schenk ist da. Es kommt aus dem Oberemmental angereist und picknickt in der Cafeteria des modernen Christlichen Zentrums Thalgut, bevor der viereinhalbstündige Seminarmarathon losgeht. Er, 36-jährig und Landwirt, hofft mehr darüber zu erfahren, wie er «seine Finanzen zum Reich Gottes führen» kann. Zehn Prozent seines Einkommens gebe er schon. «Es sind mehr», ergänzt seine Frau und nimmt das halbjährige Baby aus dem Kinderwagen.
Mit Bibelzitaten punktet Pitts gleich zu Beginn. «Wer um Lohn arbeitet, der arbeitet in einen durchlöcherten Beutel», zitiert er den Propheten Haggai und zielt gleich auf die erste Pointe: «Es ist dumm, wenn man am Ende des Geldes noch zu viel Monat übrig hat.» Auch die Finanzkrise streift der christliche Geldexperte. Den Steilpass liefert ihm ein Titelbild der Wirtschaftszeitschrift «Economist». Darauf ist ein Mann am Rand einer Klippe zu sehen, kurz vor dem Abgrund. Schulden hätten uns an diesen Punkt gebracht, und «mit noch mehr Schulden wollen wir das Problem lösen», meint er und placiert einen Seitenhieb gegen die Rettungspakete der Regierungen.
«Einzahlungen machen!»
Auf Antworten, wie nun auf die Finanzkrise reagiert werden soll, wartet man jedoch vergeblich. Vielmehr geisselt Pitts das Geld als dämonisches Weltsystem und unterstreicht seine These mit einem passenden Bibelzitat (1. Timotheus 6, 10): «Die Wurzel aller Übel ist die Liebe zum Geld.» Hinter dem Geld stecke der Mammon, ein Geist, der «unsere Herzen beeinflusst, damit wir das Geld lieben und ihm dienen». Die Tempel des Mammons seien Shoppingzentren und Spielkasinos. «Wer in diese Einkaufs- und Spielwelten eintaucht, den kann der dämonische Geist noch besser beeinflussen und auf seine Seite ziehen», erklärt Pitts. Und wenn man einmal in den Fängen des Mammons sei, dann regiere die Angst. Gestikulierend zeichnet Pitts den Verlauf der Börsenkurse der vergangenen Monate nach.
Von dieser Analyse zeigt sich Levi Hertig in der Pause beeindruckt. Der modisch gekleidete 19-jährige Elektronikerlehrling gesteht, dass er schon manchmal zu teuer eingekauft habe. Er spende zwar schon zehn Prozent von seinem Lehrlingslohn. Dennoch sieht er bei sich Potenzial, seinen Umgang mit dem Geld zu ändern. «Jedenfalls in Aktien investieren würde ich nie.»
Hilflos dem Dämon Mammon ausgeliefert seien die Menschen jedoch nicht, fährt Earl Pitts nun mit der Frohbotschaft weiter: «Gottes Macht ist grösser», verkündet er. Der Saal antwortet mit «Amen». Auch ruft der Kanadier nicht zur Armut auf, sondern zu Einlagen ins himmlische Konto. Dieses sei die Grundlage für den wahren Wohlstand. «Sammelt euch Schätze im Himmel», zitiert er Jesus. Viele schlagen die Bibelstelle nach und notieren sich, wie im Himmel die Einlagen nicht nur vor Motten und Rost sicher sind, sondern auch vor Börsencrashs. Aber auch im Himmel gibt es nichts umsonst. «Einzahlungen machen!», hämmert der himmlische Finanz-Guru seiner Gemeinde immer wieder hartnäckig, wenn auch freundlich ein.
Ein 50-Jähriger aus Worb hört nachdenklich zu. Er habe im letzten Jahr einige Franken mit Aktien verloren, räumt er ein. «Schlaflose Nächte hatte ich deswegen keine, doch zu denken gibt es mir schon.»
Pläne des Teufels
Earl Pitts holt ihn aus seinen Gedanken heraus. Der Zehnte sei gefordert. «Wer zehn Prozent seines Einkommens gibt, der entkommt den Fesseln des Mammons», sagt er. Denn die Bibel lehre, dass der Zehnte heilig sei - die einzig wirksame Macht, um die Strategie des Teufels zu durchkreuzen.
Nun leuchtet aber nicht die Kontonummer des Finanz-Gurus auf, wie das bei jedem Scharlatan der Fall wäre. So stark sich Pitts im Kampf gegen den Mammon ins Feuer redet, so bescheiden hält er sich bei konkreten Spende-Tipps zurück. «Soziale Werke, Missionsprojekte oder die Kirchgemeinde», sagt er ganz allgemein. Hauptsache sei, man gebe den Zehnten, wie es in der Bibel steht.
Nach so viel Theologie und dämonischem Machtkampf zwischen Mammon und den Menschen endet das fromme Finanzseminar sehr nüchtern. Ein Budget zu machen und die Ausgaben nach Verpflichtungen, Bedürfnissen und Wünschen zu ordnen, lautet die Forderung des theologischen Finanzberaters am Ende ganz weltlich. Ein nützlicher Tipp, für den aber wohl auch etwas weniger als viereinhalb Stunden gereicht hätten.