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Geld macht glücklich?!

Ein Artikel von Thomas Giudici publiziert im Christlichen Zeugnis 01/1

Geld macht glücklich. Was für eine Provokation. So etwas sagt man doch nicht. Jedenfalls nicht in Westeuropa. Andere Weltregionen haben ein unverkrampfteres Verhältnis zu dieser Aussage. Gehen Sie nach Osteuropa, in den fernen Osten oder in andere Gebiete mit aufstrebenden Wirtschaftsmärkten ohne lange christlich-soziale Tradition. Da wird man Ihnen unverhohlen beipflichten: „Jawohl, Geld macht glücklich.“   

WIE WIRD MAN GLÜCKLICH?

Die Umfrage einer Londoner Zeitung hat ergeben, dass 90 Prozent aller Engländer es als beleidigend empfinden, nach der Höhe ihres Einkommens gefragt zu werden. In der Schweiz oder in Deutschland sähe das Ergebnis nicht wesentlich anders aus. Geld hat man, aber man spricht nicht darüber. Wirklich? Können Sie mir dann erklären, warum bald jede Nachrichtensendung mit dem Stand der Börsenindices abgeschlossen wird? Oder warum Weihnachtsfeiern mit einer familiären Debatte über die richtige Anlagestrategie ausklingen?

Geld macht glücklich. Wir sagen es nicht, aber wir leben diesem Grundsatz nach. Um herauszufinden, ob er stimmt, müssen wir uns drei Fragen stellen. Was ist Glück und wie werden wir glücklich? Was sind unsere Motive, weshalb wir an Geld heran kommen wollen? Und besteht ein Zusammenhang zwischen Glück und der Menge an Geld, die wir besitzen?  

BEMÜHE DICH

In Westeuropa haben drei Elemente die Vorstellung, wie wir glücklich werden können, geprägt: der Humanismus, die Leistungsgesellschaft und die Postmoderne.

„Bemühe dich“, ist eine Botschaft, die uns von Kindheit an geformt hat. Es ist der Leitsatz des Humanismus. Der Humanismus, entstanden in der Zeit von der Aufklärung bis zur französischen Revolution, hat eigentlich drei Grundüberzeugungen. Erstens: Der Mensch ist gut. Er hat zwar Fehler – das bestreitet auch der Humanismus nicht – aber die menschliche Unvollkommenheit lässt sich durch richtige Erziehung und Bildung beheben. Zweite Grundannahme: Das Gute kann durch die Vernunft erkannt werden und ist darum lernbar. Menschlichkeit und Fortschritt sind eine Frage der Bildung. Dritte Überzeugung: Der Weg zum Paradies führt nicht über eine göttliche Heilstat und schon gar nicht über die Kirche. Allein das unablässige Bemühen um sittliche und geistige Vollkommenheit bringt die Menschheit ans Ziel.

LEISTE VIEL, WERDE UNABHÄNGIG

„Leiste viel.“ In hundertfältiger Form wird diese Aussage an uns herangetragen. Es ist die Kernbotschaft der Leistungsgesellschaft. Im Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit hat die Gestalt annehmende Leistungsgesellschaft radikal neue Massstäbe gesetzt. Güter wie Geld, Macht, Erfolg oder Prestige wurden nicht mehr gemäss Geburt oder Standeszugehörigkeit verteilt – was bis dahin gesellschaftlich breit verankert und akzeptiert war – sondern nach Kriterien der Leistung. Wer viel leistet, kann alles erreichen. Wer viel leisten kann und will, der wird anerkannt und geschätzt. Und wer viel leistet, der soll die Meriten davon haben, sprich: er soll reich und angesehen sein. 

„Werde unabhängig. Mach dich frei von allen Zwängen.“ So ist das Leitmotiv der Postmoderne. Dieser Begriff ist in der Architektur der Siebzigerjahre zuerst aufgetaucht und bezeichnet das Aufgeben objektiver Bezugspunkte. Was wahr oder falsch ist, bestimmen Sie selbst. Objektive Wahrheiten und allgemeingültige Normen werden abgelehnt. Jede Tradition wird hinterfragt, Pluralismus ist angesagt, und in Kombination mit der Toleranz (die wiederum vom Humanismus gefordert wird) ergibt sich ein ideales Umfeld für Selbstverwirklicher.

Im Rahmen einer Untersuchung wurden Führungskräften aus der Schweiz und Deutschland gefragt: „Was ist Ihr höchstes Lebensideal?“ 25 Werte waren vorgegeben, am häufigsten wurden „Freiheit“ und „Unabhängigkeit“ angekreuzt. Werte wie Gerechtigkeit, Liebe, Freundschaft, Gefühle, Moral, Bescheidenheit und Demut landeten alle auf den hinteren Plätzen. In der Befragung nach dem Lebensmotto errangen die obersten Positionen „leben und leben lassen“ und „Freiheit ist das höchste Gut auf Erden“.  

ALSO: GLÜCK GLEICH GELD

Es ergibt sich ein zusammenhängendes Bild. Was ist Lebensglück? Die Antwort, die uns die Gesellschaft, die Kultur, die Medien, die Eltern, die Lehrer und Arbeitgeber vermitteln ist einfach: Man bemüht sich, leistet viel, verwirklicht sich selbst und lebt möglichst frei. Glück – als Antwort des Zeitgeistes – ist Geld. Verstehen Sie mich nicht falsch. Niemand sagt das so direkt. Viele würden es geradezu bestreiten. Aber unser Lebensstil entlarvt, dass wir zu innerst genau so denken. Anstrengung fördert die Leistung, der Lohn der Leistung ist Geld, mit Geld wird man unabhängig, wer unabhängig ist wird frei, und Freiheit ist das höchste Gut, das Glück. Das Motiv unserer Anstrengungen ist demnach Geld, und Geld führt zum Glück. Also gilt sie doch, die Gleichung: Geld gleich Glück.

Sind wir glücklich? Ich habe mich umgesehen und bin zur Überzeugung gelangt, dass jene Gruppe, welche diese Zeitgeistbotschaft am unmittelbarsten befolgt, die Führungskräfte in Wirtschaft und Gesellschaft sind. Wer sonst, wenn nicht die Führungskräfte, könnte zuverlässiger sagen, ob der oben skizzierte Weg zum Glück führt? Also habe ich nach Sozialindikatoren bei Führungskräften geforscht, denn irgendwie müsste es sich ja nachweisen lassen, dass die Mitglieder dieser Gruppe ganz besonders glücklich sind.  

DER WEG ZUM VERMÖGEN HAT SEINEN PREIS

Nehmen wir die Scheidungsrate in der Schweiz für das Jahr 1997. 41 Prozent aller Erstehen, 60 Prozent aller Zweitehen und 75 Prozent aller Drittehen wurden wieder geschieden. Bei Führungskräften liegt die Quote noch höher. Ein Lernprozess besteht offensichtlich nicht, und dass Scheiden, vor allem der Prozess davor und danach, nicht ein Ausdruck von Glück sein kann, ist einsichtig.

Nehmen wir die Gesundheit von Führungskräften. Bei einer empirischen Untersuchung mit Managern in Deutschland sind folgende Ergebnisse ermittelt worden:

- 85 Prozent haben vegetative Beschwerden (z. B. Schlafstörungen, Magenschmerzen, Verdauungsprobleme, Bluthochdruck oder Herzbeschwerden).

- 75 Prozent haben einen so weit angestiegenen Cholesterinspiegel, dass man von einem erhöhten Infarktrisiko sprechen muss.

- 60 Prozent leiden unter Neurosen (psychische Störungen wie Verhaltensfixierungen, Zwangsvorstellungen oder Angstzustände).

Interessanterweise hing die Häufigkeit und Intensität dieser Beschwerden nicht vom Alter der Einzelnen ab, sondern ausschliesslich von ihrer Stellung in der Hierarchie der Firma.

Eine weitere Statistik. Der Umsatz an Psychopharmaka ist in der Schweiz zwischen 1991 und 1997 um 50 % gestiegen. 280 000 Frauen und 160 000 Männer über 18 Jahren nehmen täglich ein Missbrauch gefährdendes Medikament. Auslöser von Suchtmittelkonsum ist in vielen Fällen anhaltender Leistungsdruck. Nehmen Sie zum Beispiel einen Nachtflug in eine Zeitzone, die sechs Stunden Verschiebung mit sich bringt. Sie können kein Auge zudrücken und greifen zu einer Schlaftablette, am nächsten Tag müssen Sie gleich – ohne Aklimatisationszeit – ins erste Meeting und nehmen deshalb ein Medikament, das Sie aufputscht. Zwei Tage später kehren Sie zurück, die ganze Prozedur wiederholt sich. Wenn Sie das lange genug so handhaben, sind Sie abhängig.  

WAS SCHON ROCKEFELLER SAGTE

Macht Geld glücklich? Hier die Stimmen einiger Persönlichkeiten, die mehr Geld besessen haben als fast alle Menschen ihrer Zeit...

John David Rockefeller: Ich habe viele Millionen verdient, aber das Glück haben sie mir nicht gebracht.

Henry Ford: Ich war glücklicher, als ich noch Mechaniker war.

Andrew Carnegie: Millionäre lächeln selten.

William Henry Vanderbilt: Die Verantwortung für 200 Millionen Dollar reicht, um jeden umzubringen. Es ist wahrlich kein Vergnügen.

Natürlich haben alle vier diese Aussagen gegen Ende ihres Lebens gemacht. Aber wenn sogar sie, die es bis ganz oben geschafft haben, dem Geld die Fähigkeit absprechen, glücklich zu machen, müssen wir uns dann nicht ernsthaft überlegen, wozu wir 150 000 Franken Jahresgehalt so verbissen nachjagen, wenn wir doch schon mit 90 000 mehr als gut leben können? Warum tun wir uns das an, wenn Geld gewinnen um jeden Preis unsere Beziehungen gefährdet, unsere Gesundheit verschleisst, unsere Lebenszeit auffrisst und zuletzt doch nicht glücklich macht? Warum? 

MIT UNERFÜLLTEN WÜNSCHEN LEBEN

Dass Geld glücklich macht, ist eine Lüge. Aber Tatsache ist, und ich möchte das in keiner Weise beschönigen, dass wer überhaupt kein Geld hat, eben auch nicht glücklich ist. Ich habe zu viele Slums gesehen, um mich noch von der Ansicht beeindrucken zu lassen, die Armen hätten es im Grunde genommen viel besser. 

Tatsache ist auch, dass es nicht falsch ist, sich zu bemühen, viel zu leisten und nach der Verwirklichung eigener Talente und Ideen zu streben. Ich bin der Letzte, der Sie zum Aussteigen überreden oder zum erbringen mässiger Leistungen animieren möchte. Das Einzige was ich will ist, dass Sie nicht länger dieser Lüge hinterherlaufen, ein bisschen mehr Geld werde Ihnen endlich das Glück bringen, das Sie schon immer gesucht haben. 

Es muss nicht einmal nur Geld sein, von dem Sie sich die Erfüllung Ihrer Träume versprechen. Endlich zum stellvertretenden Direktor befördert werden, endlich die ersehnte Villa bauen, endlich Major im Militär, endlich frühpensioniert... die Liste unerfüllter Wünsche lässt sich beliebig erweitern. Lassen Sie sich nicht von der Lüge beherrschen, die da heisst: „Wenn du von mir mehr hast, dann wirst du endlich glücklich.“ Es wird immer jemanden geben, der mehr von etwas hat als Sie. Mehr Geld, mehr Erfolg, mehr Prestige, ein grösseres Haus, das teurere Auto. Wenn Sie trotzdem sagen, Sie wollen mehr Geld verdienen... okay, ich werde Sie bestimmt nicht davon abhalten. Meiner Ansicht nach ist das völlig legitim. Nur seien Sie so ehrlich mit sich selbst, dass Sie sich den Preis vor Augen führen, den Sie dafür bezahlen werden. Und erwarten Sie vom vielen Geld nicht Ihr Glück. Genau das wird nämlich nicht eintreffen.

DER REICHTUMSTEST

Ich möchte Sie zu einem Selbsttest einladen. Haben Sie genug zu essen? (Nicht so viel, dass Sie ständig an Diäten denken müssen.) Haben Sie anständige Kleider? (Nicht 20 Anzüge oder 30 Kleider, sondern schlichte, intakte, wärmende Kleidung.) Haben Sie ein Heim, das Sie vor dem Wetter schützt? (Nicht eine Villa, nicht eine Loft-Wohnung.) Haben Sie ein zuverlässiges Transportmittel? (Das kann auch ein Fahrrad sein.) Wenn Sie vier Mal mit ja antworten können, gehören Sie zu den 15 Prozent reichsten Menschen auf diesem Planeten. Denn 85 Prozent der Weltbevölkerung müssen einmal (oder öfter) mit nein antworten.

Schauen Sie sich an. Sie sind reich. Sie haben das erreicht, was im Weltvergleich nur eine kleine Minderheit je erlangen wird. Sind Sie auch glücklich?  

DREI TIPPS MIT AUF DEN WEG

Als Manager und als Christ möchte ich Ihnen etwas auf den Weg geben. Sie haben in Ihrem Leben und in Ihrer Karriere die Prinzipien befolgt: „Bemühe Dich, leiste viel, werde unabhängig.“ Es gibt noch einige Leitsätze, die Sie prüfen sollten. 

Wie wäre es, wenn Sie statt „werde unabhängig“ das Prinzip „lass Dich lieben“ einmal anwendeten? Es ist nicht schwer zu verstehen, dass das ein guter Weg ist. Stellen Sie sich Ihren Nächsten vor – oder nennen Sie ihn Ihren Bekannten, Ihren Mitmenschen (wenn Sie die biblische Wortwahl stört). Auch wenn Sie ihn gar nicht lieben, sondern nur schon annehmen, steigt Ihre Lebensqualität augenblicklich - und damit Ihr Lebensglück.

Ein anderes Beispiel. Statt „leiste viel“ erproben Sie einmal das Motto „lass Dich beschenken“. Was meinen Sie, warum Menschen Karriere machen wollen und alles Erdenkliche tun, um nur endlich geliebt und anerkannt zu werden? Und Tatsache ist, das tritt nie ein. Es funktioniert nicht so, dass Ihnen alle auf die Schultern klopfen und sagen: „Toll. Du machst Karriere und ich nicht!“ Wenn Sie Erfolg haben, werden Sie einsamer und einsamer, je näher Sie der Spitze kommen. Man wird Sie wahrscheinlich mit Respekt behandeln, Sie vielleicht bewundern, aber lieben wird man Sie deswegen nicht. Und man wird Ihnen nichts schenken. Im Gegenteil! Wenn Sie dann einen Fehler machen, wird man womöglich um so gnadenloser über Sie herfallen.

Und darum ist auch das Letzte so wichtig. Statt „bemühe Dich (ständig, perfekt zu sein)“ gilt „lass Dir vergeben“. Jeder macht Fehler. Und wenn Sie es schaffen, sich vergeben zu lassen und auch Ihrem erklärten Gegner zu vergeben, dann wird Ihre Lebensqualität steigen. Perfekt sein zu müssen ist tödlich. Wenn Sie hingegen Vergebung annehmen und anderen schenken können, wird sich Ihre Lebensqualität steigern. Mehr noch: Ihr Glück wird sich nicht mehr verhindern lassen.

Zur Biografie von Thomas Giudici

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