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Eine Nation auf Pump - Amerikas Kreditkultur

Quelle: OÖNachrichten, 25.08.2008

Eine Nation auf Pump - Amerika's Kreditkultur

NEW YORK. Nach ihrem gescheiterten Anlauf aufs Weisse Haus sitzt Hillary Clinton auf einem Berg von Schulden. Mit 20 Millionen Dollar (13,5 Mio Euro) soll die Demokratin wegen des teuren Wahlkampfs in der Kreide stehen. Die einstige First Lady ist unter ihren Landsleuten keineswegs allein: Über Kreditkarten und Verbraucherdarlehen haben US-Bürger 2,6 Billionen Dollar Schulden angehäuft. Als nun mit dem Häusermarkt die ebenfalls enormen Hypothekenkredite abstürzten, brach das Fundament einer Nation auf Pump in weiten Teilen zusammen. „Die Amerikaner haben jahrelang über ihre Verhältnisse gelebt, jetzt sind sie zurück auf dem Boden der Realität“, bilanzierte das USMagazin „Forbes“.

Schulden gehören in den USA zum Alltag wie Burger und Pommes. In einem Durchschnittshaushalt gehen 14 Prozent des verfügbaren Monatseinkommens für das Abbezahlen von Schulden drauf - oft noch weit mehr. Besonders teuflisch ist für viele die Tilgungsspirale ihrer Kreditkarten: Wegen teils horrender Zinssätze sieht so mancher kein Land mehr. Etwa jeder zweite ist mit den Raten im Rückstand. Mancher schichtet die Schulden bloss noch von einer Karte auf die nächste. Für rund 300 Millionen Amerikaner gibt es inzwischen eine Milliarde Karten. Mehr als die Hälfte der 21-jährigen College-Abgänger besitzt heute vier oder noch mehr der Plastikzahlungsmittel.

Der 53-jährige New Yorker Peter Graham (Name geändert) geriet wie Millionen andere Amerikaner in den Schuldenstrudel. Nach seiner Scheidung vor zwölf Jahren liess der Publizist einen Teil der durch die Trennung hohen Ausgaben über Kreditkarten laufen - mit anfangs recht günstigen Zinssätzen um sieben Prozent. „Ziemlich schnell war ich dick im Minus und dann begannen die Zinsen plötzlich zu steigen“, erinnert sich Graham. Die erdrückende Last zuletzt: Zehntausende Dollar bei fast 30 Prozent Zinssatz. Grahams Ausweg war eine Art gemeinnützige Schuldenberatung, die für eine geringe Gebühr das Management seiner Finanzen übernahm. Seither trägt er den Schuldenberg ganz allmählich ab. „In ein paar Jahren ist es geschafft.“ Bei der Rettung half aber auch seine neue Frau. „Ich hatte im doppelten Sinn noch einmal Glück“, sagt er heute.

Trauriger Trend: Auch in Deutschland sitzen immer mehr Menschen in der Schuldenfalle. Doch die USA funktionieren weit stärker als wohl jedes andere Land nach dem Prinzip: „Jetzt kaufen - später zahlen.“ Zu über 70 Prozent lebt die noch immer grösste Volkswirtschaft der Welt vom privaten Konsum - und der beruht zu einem Gutteil auf Pump. „Diese Nation konsumiert zu viel“, sagt der amerikanische Wirtschafts-Nobelpreisträger Joseph Stiglitz. „Und die Antwort der Bush-Regierung darauf war, die Leute zu noch mehr Konsum aufzurufen.“ Der Staat macht es den Bürgern vor: Das Haushaltsdefizit wird laut jüngsten Schätzungen des Weissen Hauses im nächsten Jahr mit 490 Milliarden Dollar (333 Mrd Euro) einen neuen Negativrekord erreichen.

Kernstück der US-Schuldenmacherei ist die „Credit History“ - eine Art finanzielles Führungszeugnis und so etwa das genaue Gegenteil zum traditionell eher deutschen Prinzip des Sparens. Wer in den USA einen Kredit will, muss am besten schon möglichst viel Schulden gemacht haben und sie regelmässig abbezahlen. Im Lauf der Zeit steigt so - und nur so - sein „credit score“, die Note der Kreditwürdigkeit. Schulden sind praktisch Pflicht, weil ohne „credit history“ viele Dinge des Alltags schwierig werden - etwa ein Mietvertrag oder ein Autokauf.

In ganz neue Schuldendimensionen stiessen selbst die Amerikaner mit dem Immobilienboom bis 2006 vor. Häuser waren eine Geldmaschine: Weil die Preise ständig stiegen, konnten US-Bürger ihre Immobilien stets gewinnbringend verkaufen. Die Banken gaben für das nächst grössere Haus noch höhere Kredite, zuletzt oft sogar ohne jede Sicherheit. Das Ende ist bekannt: Die Blase platzte mit bis heute weltweiten Folgen. Warum kaum jemand vor dem Übermass der Schulden warnte? „Da war eine Party im Gange und niemand wollte der Spielverderber sein“, sagte Stiglitz jüngst dem Magazin „BusinessWeek“.

Vom stark schuldenfinanzierten Boom der US-Wirtschaft profitierten in den vergangenen Jahrzehnten besonders die Reichen des Landes. 1994 erzielte das wohlhabendste Prozent der US-Haushalte zwölf Prozent des nationalen Vorsteuereinkommens. Im Jahr 2006 waren es 22 Prozent. Die Schere geht immer weiter auseinander zwischen der reichen „Investoren-Klasse“ und der „Lotterie-Klasse“:© Im Glücksspiel-Eldorado Amerika verlieren gerade die Ärmeren in der Hoffnung auf das grosse Los auch noch ihr letztes Geld.

Auch darum schlägt die Initiative „For A New Thrift“ (Für eine neue Sparsamkeit) Alarm. Über 60 Wissenschaftler und andere Experten haben der „ungezügelten Kreditkultur“ den Kampf angesagt. Der Chef-Nationalökonom der Investmentbank Lehman Brothers, Ethan Harris, sieht bereits erste Anzeichen für eine Trendwende: „Die Leute fangen wieder mit dem altmodischen Sparen an, statt steigende Aktienmärkte und Hauspreise für sich arbeiten zu lassen.“ Am Ende könnte so der US-Historiker Lendol Calder mit seinem 1999 veröffentlichten Buch „Financing the American Dream“ recht behalten. Rund acht Jahre vor der Kreditkrise schrieb er: „Es wird eine noch schwerere Katastrophe als die Grosse Depression (in den 30er Jahren) nötig sein, um den Amerikanern ihr Vertrauen auf Konsumentenkredite abzugewöhnen.“

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