Eine Karriere
„Wenn Du eine Sechs* nach hause bringst, darfst Du das Sonntagsmenu wählen.“ Die Regel, welche Thomas Giudicis Eltern für ihren Sohn aufstellten, hatte ein klares Ziel. Sohn eines lombardischen Einwanderers, sprach Vater Giudici zuhause nie auch nur ein einziges Wort italienisch. Der Grossvater hatte es mit Fleiss vom Arbeiter bis zum Vorarbeiter geschafft, der Vater war kaufmännischer Angestellter, der Sohn sollte es noch weiter bringen.
Nachdem mehrere Sonntage in Folge Poulet und Pommes frites auf dem Mittagstisch gestanden hatten, wurde die Regel geändert. Fortan waren der Lohn für eine Sechs fünf Franken. Ab 14 arbeitete Thomas Giudici jeden Sommer während vier von sechs Wochen Sommerferien. Die Eltern waren finanziell zu wenig gut gebettet, um ihm Dinge wie ein Fahrrad oder Mofa zu kaufen. Wollte er den Standard seiner gleichaltrigen Freunde erreichen, musste er sich selber helfen.
Mit 18 zog er von zuhause aus und mietete sich eine Einzimmer-Wohnung in Basel. Sein Studium finanzierte er sich mit nächtlichen Taxifahrten. Dann stieg er um. Als Ökonomiestudent wollte er so schnell wie möglich im Business Fuss fassen. Der Schweizerische Bankverein bot ihm eine 40-Prozent-Stelle. Ein Abteilungsleiter der Bank suchte einen EDV-Sachbearbeiter. Giudici hatte (es war 1985) noch nie einen Computer berührt. Er meldete sich, erhielt den Zuschlag und arbeitete sich innert Wochen in sämtliche PC-Programme ein, die auf der Abteilung in Gebrauch waren.
Kaum hatte er sein Studium beendet, erhielt er eine Anstellung im Chemie-Grosskonzern Ciba-Geigy. Als Auditor reiste der 25-jährige weltweit herum, beriet Tochterfirmen und prüfte Finanzen und Management. Seine Rapporte gingen direkt an den Präsidenten des Verwaltungsrats.
Während eines Praktikums für Hochschulabsolventen in der Zürcher Bank Vontobel lernte er den Vorsitzenden der Geschäftsleitung kennen. Am Ende des Gesprächs sagte der Mann: „Herr Giudici, ich könnte Sie als persönlichen Mitarbeiter für drei Wochen brauchen – wenn Sie es überhaupt solange aushalten.“ Es wurden zweieinhalb Jahre. Auf dem schmalen Grat zwischen Insiderwissen des Bankchefs und Kontakten zu weiten Teilen der Belegschaft fand er die Balance, hielt dem Druck stand und lernte rasch das Private- und Investment-Banking kennen.
Inzwischen hatte in Basel eine bürgerliche Koalition die kantonalen Wahlen gewonnen. Die neuen Regierungsräte hatten im Wahlkampf Sparmassnahmen und Reorganisation der Verwaltung zu ihrem Topthema im Wahlkampf gemacht, nun wollten sie ihr Versprechen einlösen. Deshalb schrieb Basel-Stadt als erster Kanton in der Schweiz die Stelle eines Sanierungsbeauftragten aus. Giudici bewarb sich. Er, der sich vor seinem Bewerbungsgespräch nach der Anzahl der Regierungsräte erkundigen musste, machte das Rennen. Man attestierte ihm "Verwaltungserfahrung“, denn er hatte im Auftrag der Bank Vontobel ein Beratungsmandat für das (damalige) Eidgenössische Militärdepartement wahrgenommen.
Formell dem Finanzdepartement angeschlossen, rapportierte Giudici dem gesamten Regierungsrat. In den ersten Monaten schlug er rund 500 Sparmassnahmen vor und arbeitete im Laufe der Zeit 22 Sanierungsprojekte aus. „REKABAS“ hiess die Devise – „Redimensionierung der Kantonsaufgaben im Kanton Basel-Stadt“. Die Öffentlichkeit verfolgte die Entwicklung mit regem Interesse. Doch rasch kam der Gegenwind. Sparen war unbeliebt, sowohl politisch als auch verwaltungsintern. Giudici sah den weitaus grösseren Teil seiner Vorschläge in Schubladen verschwinden.
Dann ging der Chef der Finanzverwaltung. Giudici, obwohl erst 30-jährig, wurde als Nachfolger vorgeschlagen. Zum ersten Mal zögerte er, eine angebotene Herausforderung anzunehmen. Die Stelle als Sanierungsbeauftragter bot einiges an Narrenfreiheit. Damit wäre Schluss als Chef der Finanzverwaltung, jener Position, die, unmittelbar dem Vorsteher des Finanzdepartements nachgeordnet, Mitverantwortung über ein milliardenschweres Budget in einem öffentlich-rechtlichen Betrieb mit sich brachte. Giudici nahm dennoch an.
Die ersten Verschleisserscheinungen kamen schneller als erwartet. Sparmassnahmen, Umstrukturierungen, Versicherungsfragen, Verwaltung von Pensionsgeldern in Milliardenhöhe... alles ging über seinen Tisch. Mehr und mehr wurden seine sozialen Kontakte beruflich vereinnahmt. Hier ein Mittagessen mit einem Banker (der sich ein Anlagemandat erhoffte), dort ein Vernissage-Treffen mit Gewerkschaftlern (mit politischen Zielen).
Unter dem Eindruck, weder etwas verändern zu können, noch wirklich gebraucht und anerkannt zu werden, gab Giudici seine prestigeträchtige Stelle auf. Er wollte eine Tätigkeit ausüben, die Spuren hinterliess und wo seine individuellen Merkmalen und Fähigkeiten gebraucht wurden. Der gewählte Schritt in die Selbständigkeit sollte ihm dies ermöglichen und das als lebenswichtig erkannte Gleichgewicht zwischen Beruf und Privatleben umsetzen helfen. Eine Erkenntnis, die seit der noch als Sanierungsbeauftragter getroffenen Entscheidung, Jesus Christus nachzufolgen, in ihm gewachsen waren.
Seine damalige Lebenspartnerin war eine verheiratete, wenn auch von ihrem Mann gerichtlich getrennt lebende Mutter zweier Kinder im Vorschulalter. Da eine baldige Heirat nicht möglich schien, entschied sich Giudici auch hier für einen Neuanfang und verliess ihr Haus, in das er erst drei Monate zuvor gezogen war. Die Folgen waren schwieriger, als er vorausgesehen hatte. Er, das Einzelkind, dessen Eltern in der Zwischenzeit gestorben waren, stand da ohne seine zweite Familie, ohne eigenen Wohnort und ohne Einkommen.
Ein väterlicher Freund aus seiner IVCG-Gruppe (Internationale Vereinigung Christlicher Geschäftsleute) bot ihm als Bleibe ein Bauernhaus im Elsass an. Aus dem nur für ein paar Wochen gedachten Aufenthalt wurden drei Jahre. Eine Zeit, in der Giudici darum rang und lernte, Gott zu vertrauen und seinen christlichen Glauben Schritt für Schritt in jedem Bereich seines Lebens umzusetzen. Freunde begleiteten ihn durch diese bewegte Zeit, in der er auch seine Dissertation beendete. Heute ist Thomas Giudici selbstständiger Management- und Investmentberater. Regelmässig hält er Referate bei IVCG-Anlässen.
* Für deutsche Leser: Die Sechs ist in der Schweiz die Maximalnote.