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Die biblische Wirtschaftsordnung

Seit dem Ausbruch der jüngsten Finanzkrise wurde viel über Ursachen und mögliche Lösungen diskutiert. Während Säkulare eine stärkere Kontrolle der Finanzmärkte fordern, mahnen Gläubige vor allem mehr „christliche Werte“ an. Bescheidenheit, Ehrlichkeit und Nächstenliebe sollen den rücksichtslosen Egoismus zurückdrängen, der sich so schamlos breit gemacht hat. Doch christliche Werte lassen sich nicht verordnen und Tugenden nicht einfordern. Sie erfordern persönliche Einsicht. Fehlt sie, fallen die Schwachen den Starken zum Opfer.

Um das zu verhindern hat Gott uns klare Weisungen gegeben, doch leider wurden diese schon längst als „alttestamentarisch“, sprich veraltet abgetan. Selbst Christen, welche sich als bibeltreu bezeichnen, kennen sie kaum. Sätze wie „die soziale Marktwirtschaft ist zutiefst christlich“ oder „christlicher Finanzberater gibt biblischen Rat“ offenbaren diese tiefe Unkenntnis.

Calvins fataler Irrtum

Jahrzehnte des kalten Krieges zementierten die Vorstellung, als einzige Alternative zum Kommunismus ermögliche nur der Kapitalismus eine individuelle Privatwirtschaft und somit Wohlstand für alle. Doch das Recht auf Eigentum wird nicht durch die Herrschaft des Mammons geschützt, sondern durch eine freiheitliche Wirtschaftsordnung, die das individuelle Gewinnstreben zwar ermöglicht, ihm aber auch Grenzen setzt.

Dagegen bedeutet Kapitalismus letztlich vor allem das uneingeschränkte Recht Einzelner, grenzenlosen Reichtum anzuhäufen, ohne jede Rücksicht auf die übrige Bevölkerung, die dadurch zwangsläufig verarmt. Das Instrument des Kapitalismus aber ist die Zinspflicht, der er alles unterwirft: Grund und Boden, Häuser, Fabriken, Ernten. So werden nicht nur die einzelnen Menschen zu Schuldknechten gemacht, sondern auch Kommunen, Städte und sogar ganze Nationen.

Nicht ohne Grund hat die Schrift den Zins als Wucher gebrandmarkt und stark eingeschränkt. Die Kirche hielt sich daran, bis der Genfer Reformator Calvin sich über die Weisungen der Schrift hinwegsetzte. In der gutgemeinten Absicht, Arbeit und Wohlstand zu fördern, liess er einen „mässigen“ Zins zu. Nicht zufällig ist Genf heute eine wichtige Bankenstadt und das teuerste Pflaster der Schweiz. Ausgerechnet Calvin, der ehrliche Arbeit als hohe christliche Tugend pries, erlaubte so den Vermögenden, von ihren Schuldnern Zinsen zu fordern, Geld, für das sie keinen Finger rührten. Calvin hatte geglaubt, der Moloch Zins liesse sich zähmen. Doch er hatte die Wirkung des Zinseszins übersehen.

Leistungslose Einkommen

Geld ist an sich eine sehr nützliche Erfindung. Es ermöglicht, Arbeitsleistung aufzubewahren und fördert den Gütertausch, was sonst nur sehr beschränkt möglich ist. Wäre es allein schon recht schwierig, jemanden zu finden, der sackweise Kartoffeln gegen eine Zahnreparatur eintauscht, wer akzeptierte dann erst Bahnwaggons voller Kartoffeln als Zahlung für ein Auto? Zudem müsste man die Kartoffeln einlagern, bis ein Tauschpartner gefunden wäre, ein Aufwand, der den Gewinn schmälerte. Dauerte all das zu lange, verfaulten diese und alles wäre verloren. Aber auch beständigere Güter benötigen laufend Unterhalt, um ihren Wert zu erhalten; ein völlig natürlicher Vorgang. Noch extremer ist es mit reiner Arbeitsleistung, denn wie Elektrizität lässt sie sich überhaupt nicht speichern.

Wer dagegen seine Arbeit oder Kartoffeln für Geld verkauft, erhält damit eine Gutschrift, für die er jederzeit ein beliebiges Gut im gleichen Wert eintauschen kann. Das Geld repräsentiert somit eigentlich die verkauften Kartoffeln. Wie zuvor aufgezeigt wurde, muss aber laufend ein Aufwand erbracht werden, damit solche Ersparnisse ihren Wert nicht verlieren. Diese Aufgabe erfüllt die geldbasierte Wirtschaft sehr wirkungsvoll, indem sie dafür sorgt, dass die Güter möglichst schnell den richtigen Käufer finden, so dass sie nicht lange aufbewahrt werden müssen. Diese enorme Leistung wäre an sich schon mehr als genug Entschädigung für das „Verleihen“ von Ersparnissen.

Dennoch wird darüber hinaus ganz selbstverständlich auch noch Zins eingefordert, und das nicht zu knapp. So bezahlt z. B. ein Mieter nicht nur die Amortisation des von ihm bewohnten Hauses, so dass der Besitzer keinen Wertverlust hat. Doch dieser erwartet trotzdem zusätzlich auch noch eine „Kapitalrendite“, welche bis zu 80% (!) der Miete ausmacht, für die er jedoch keinerlei Gegenleistung erbringt. Paradoxerweise werden also in der sogenannten Leistungsgesellschaft die grössten Einkommen völlig ohne Leistung erzielt.

Monetäres Schneeballsystem

Dass so jene am meisten einnehmen, welche am wenigsten dafür tun, ist an sich schon sehr ungerecht, doch richtig kritisch wird es erst, wenn dieses Geld wiederum anlegt wird. Denn durch den Zinseszins verdoppeln sich die Vermögen immer wieder: Bei 4% Zins alle 18 Jahre, bei 6% bereits alle 12 Jahre, und bei den 25% Eigenkapitalrendite, die Josef Ackermann, Chef der Deutschen Bank, trotz Krise immer noch anpeilt, sogar alle 3 Jahre!

Doch wie bei jedem Schneeballsystem profitieren jeweils nur jene, die am Anfang einsteigen. Alle anderen gehen leer aus, da schliesslich für das viele wundersam vermehrte Geld kein Gegenwert mehr da ist, wie die jüngst geplatzte Finanzblase zeigt. Auf der Strecke bleiben am Ende jeweils die Ersparnisse und Renten der kleinen Leute, die sich alle paar Jahrzehnte durch Krisen, Kriege und Inflation in Luft auflösen. In Deutschland passierte dies im letzten Jahrhundert gleich zweimal. Hat man daraus etwas gelernt?

Monopolyspiel Zinswirtschaft

Zu welch absurden Ansprüchen ein unbegrenztes Zinswachstum führt, veranschaulicht der sogenannte Josefspfennig: Hätte Josef im Jahre Null für Jesus auch nur einen einzigen Pfennig zu „mässigen“ 4% angelegt, entspräche das durch Zins und Zinseszins daraus erwachsene Vermögen heute dem Wert einer Milchstrasse aus 2,6 Milliarden Kugeln von purem Gold, jede so gross wie die Erde! Ohne den Zinseszins wäre aus diesem Pfennig nicht einmal eine ganze Mark geworden. Es wachsen keine Bäume in den Himmel, denn jedes Lebewesen erreicht nur seine vom Schöpfer bestimmte Grösse, da es sonst sich und seine Umwelt unweigerlich zerstört. Nur die Kapitalvermögen wachsen widernatürlich wie ein Krebsgeschwür endlos weiter und verschlingen so immer grössere Teile der Volkswirtschaft. Jedes Kind weiss, dass beim Monopoly am Ende nur ein einziger gewinnt, an den die anderen alles verloren haben. Dies ist, vereinfacht dargestellt, das Prinzip der Zinswirtschaft. Die heute immer weiter auseinander klaffende Schere zwischen Arm und Reich verdeutlicht dies anschaulich.

Geld verschlingt die Welt

Das Sprichwort „Geld regiert die Welt“ beschreibt den Kapitalismus sehr treffend als Tanz um das goldene Kalb Zins. Dieses ist längst zu einer monströsen heiligen Kuh ausgewachsen, der wir wie fromme Hindus in abergläubischer Scheu nichts zuleide tun dürfen, obwohl sie alles verschlingt. Zu heilig ist sie jenen, die vor ihr niederfallen, um grenzenlosen Reichtum von ihr zu empfangen, auch wenn längst klar ist, welches Verderben dieser Götzendienst bewirkt. Denn die ständig zunehmende Zinslast, die von den unaufhörlich wuchernden Vermögen verursacht wird, zwingt die Wirtschaft, sinnlos immer weiter zu wachsen, auch wenn dabei die Umwelt zerstört wird und immer mehr Menschen verarmt, oder ausgebrannt auf der Strecke bleiben.

Die Hand in der Flasche

In Amerika, wo es besonders viele afrikanische Sklaven gab, wurde dies mit dem Hinweis auf einzelne Passagen in der Schrift gerechtfertigt, welche die Sklaverei erlauben. Trotzdem erkannten bibelkundige Christen aus derselben Schrift, dass es zweifellos niemals Gottes Wille war, dass Menschen zum Eigentum anderer erniedrigt würden und liessen daher nicht locker, bis diese schreckliche Schande abgeschafft wurde. Ähnlich verhält es sich mit dem Zins, den die Schrift ja auch nicht gänzlich verboten hat.

Die jüngste Erdbebenkatastrophe führte dazu, dass selbst weltliche Zeitungen den Zusammenhang zwischen der ständigen Misere Haitis und seinem grassierendem Voodoo-Kult thematisiert haben, der dort sogar als Staatsreligion anerkannt ist. Die Korruption und der Fatalismus, welche er hervorbringe, verunmöglichten jede nachhaltige Entwicklung. Ebenso können auch wir nicht an der zutiefst ungerechten Zinswirtschaft festhalten und dabei erwarten, dass der Fluch von uns genommen wird, den sie über uns gebracht hat. Daran ändern auch noch so „christliche“ Werte nichts. Doch weil uns das Zinswesen seit Kindesbeinen so vertraut ist, erkennen wir meist überhaupt nicht mehr, wie grundverkehrt, zerstörerisch und zutiefst ungerecht es eigentlich ist. Wir gleichen dem Affen, der sich selbst gefangen hält, weil er den Keks in der Flasche nicht loslassen will und deshalb nun seine Faust nicht mehr herausziehen kann.

Sind Gottes Gebote veraltet?

Kritiker wenden ein, die Weisungen der Schrift könnten gar nicht mehr angewendet werden, dazu sei heute alles viel zu kompliziert geworden. Doch die göttlichen Rechtsordnungen wurden schon verworfen, als das Leben noch sehr einfach war – mit fatalen Folgen. Analysiert man die Ursachen der aktuellen Krise, wird deutlich, dass die biblischen Gesetze jene sehr wirkungsvoll verhindert hätten. Die Schrift ist realistisch. Sie appelliert zwar an den guten Willen, berücksichtigt aber trotzdem die Schwächen und das Unvermögen der Menschen. Daher stellt sie klare Regeln auf, die den Schwachen auch dann noch schützen, wenn alle Apelle um Nächstenliebe und Barmherzigkeit ungehört verhallen. Dieser Artikel kann die Wirtschaftsordnung Gottes aus Platzgründen nicht detailliert beschreiben, sondern nur deren Grundzüge erwähnen, wie sie vor allem in 3. Mose 25 beschrieben sind:

Das Zinsverbot: Die Bibel unterscheidet nicht zwischen Zins und Wucher, sondern setzt beides einander gleich. Der Zins wird also als Wucher bezeichnet und entsprechend geächtet. Er ist nur in Ausnahmefällen geduldet. Einzige Ausnahme sind die Kredite ins Ausland (riskante internationale Handelsgeschäfte).

Schulden werden beschränkt: Schulden dürfen nicht unbegrenzt weiterwachsen, sie nehmen laufend ab und enden nach einer zuvor festgesetzten Zeit. Der Schuldner muss höchstens 7 Jahre lang für den Gläubiger arbeiten. Seine Schuld erlischt im Jubeljahr. So kommt es nie zu einer Überschuldung.

Megareichtum wird verhindert: Besitz kann nicht unbegrenzt vermehrt werden. Der Boden war die Lebensgrundlage und das wichtigste Produktionsmittel der ländlichen Bevölkerung Israels. Er durfte niemals ausserhalb der Sippe verkauft werden. Der Gläubiger konnte das Land eines Schuldners höchstens bis zum Halljahr pfänden, also für maximal 49 Jahre. So entstehen weder Grossgrundbesitz noch Monopole. Denn nur der Besitz eines grossen Teils des Bodens und der Produktionsmittel ermöglicht Megareichtum und grosse Macht Einzelner zulasten der Allgemeinheit. Die Halljahr-Regel verhindert dies sehr wirksam.

Fazit: Diese wenigen Regeln erscheinen manchen etwas gar zu einfach, um heute unserer komplexen Welt noch gerecht zu werden. Doch auch die Zinswirtschaft basiert letztlich nur auf ganz wenigen Prinzipien. Erst ihre Anwendung in der Praxis brachte die heutige Handhabung im Detail hervor. Ebenso verhält es sich auch mit der biblischen Wirtschaftsordnung. Sie vermittelt uns lediglich die Grundsätze, deren Anwendung aber liegt in unserer Verantwortung. Schon im alten Israel wurde die Schrift immer wieder neu ausgelegt, den Anforderungen der jeweiligen Zeit entsprechend. Dies ist heute noch genauso möglich wie damals, denn Gottes Weisungen haben nichts von ihrer Gültigkeit verloren – und wir haben sie heute nötiger als je zuvor.

© Daniel Seidenberg www.lamakor.info

Ungekürzt publiziert mit Genehmigung des Autors

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